Sparen auf dem Rücken der Jüngsten? Was die Kürzungen des Landkreises für Stahnsdorf bedeuten

Der Landkreis Potsdam-Mittelmark steckt in der größten Haushaltskrise seit Jahren und die Folgen werden schon jetzt sichtbar. Ende August hat der Kreistag den Haushalt 2026 beschlossen und gleichzeitig eine Haushaltssperre verhängt. Für 2027 sollen darüber hinaus mehr als acht Millionen Euro eingespart werden. Was nach abstrakter Kreispolitik klingt, betrifft ganz konkret auch uns in Stahnsdorf: allen voran unser Jugend- und Familienzentrum ClaB. Als Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen wollen wir erklären, worum es geht, was auf dem Spiel steht und wie ihr euch einmischen könnt.

Was ist passiert?

Am 27. August 2026 ist der Haushalt 2026 des Landkreises Potsdam-Mittelmark in Kraft getreten. Die Zahlen zeigen den Ernst der Lage:

Geplanten Erträgen von rund 665,4 Millionen Euro stehen Aufwendungen von etwa 692,7 Millionen Euro gegenüber. Das ist ein Defizit von 27,3 Millionen Euro. Um die Lücke zu schließen, will der Kreis Kredite von bis zu 33 Millionen Euro aufnehmen und seinen Kassenkreditrahmen von 40 auf 80 Millionen Euro verdoppeln. Gleichzeitig hat der Kreis zeitgleich eine Haushaltssperre verhängt.

Kämmerer Joseph Czock und Landrat Marko Köhler begründen den Schritt mit steigenden Kosten bei gesetzlichen Pflichtaufgaben, wachsenden Ausgaben im sozialen Bereich, teurerem öffentlichen Nahverkehr sowie höheren Personal- und Sachkosten. Landrat Köhler brachte es so auf den Punkt: „Die finanzielle Lage hat sich weiter zugespitzt. Darauf müssen wir reagieren.“ Und weiter, mit Blick auf die anstehenden Kürzungen: „Wir werden sparen müssen. Aber wer glaubt, ein Defizit in dieser Größenordnung lasse sich mit ein paar gestrichenen Anschaffungen beseitigen, macht sich etwas vor.“

Eine kreisinterne Arbeitsgruppe Haushalt hat für 2027 bereits Konsolidierungsvorschläge von über acht Millionen Euro erarbeitet. Konkret im Gespräch sind laut Berichterstattung unter anderem:

  • Schülerbeförderung – bis zu 2 Millionen Euro sollen eingespart werden, unter anderem indem Eltern stärker an den Transportkosten beteiligt werden.
  • ÖPNV – der Zuschuss des Kreises für Busse und Bahnen soll um rund 1 Million Euro sinken.
  • Soziale Angebote – bei Familienzentren, Integrationsangeboten, der Kreismusikschule, der Volkshochschule und der Schulbegleitung stehen Kürzungen von rund 500.000 Euro im Raum.
  • Zusätzlich werden Stellenstreichungen in der Kreisverwaltung geprüft.

Die endgültigen Beschlüsse für 2027 stehen noch aus. Die Richtung ist klar, und sie trifft vor allem soziale Infrastruktur, die für Familien, Kinder und Jugendliche im Alltag zählt.

Was das für Stahnsdorf bedeutet: das ClaB in Gefahr

Besonders hellhörig macht uns das mit Blick auf unser eigenes Jugend- und Familienzentrum ClaB in der Bäkedamm 2. Getragen vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF), ist das ClaB seit Jahren weit mehr als ein Jugendclub. Es ist ein offener Treffpunkt für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 21 Jahren, für Familien, für Geflüchtete und für Seniorinnen und Senioren gleichermaßen. Hier gibt es Eltern-Kind-Gruppen, Erziehungsberatung, Sprachförderung und Familiensprechstunden für Menschen mit Migrationsgeschichte, Workshops zu sozialen Medien – und ganz praktisch: einen offenen Garten, Billard, Musikequipment, Tischtennis und Räume für Graffiti, Keramik und Zeichenkurse.

Das ClaB ist damit ein Ort, an dem, wie es selbst formuliert, „alle Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde Stahnsdorf die Möglichkeit haben, sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen.“ Genau solche niedrigschwelligen Angebote sind es, die bei den angekündigten Kürzungen im sozialen Bereich als erstes zur Disposition stehen. Wenn der Kreis bei Familienzentren, Integrationsangeboten und vergleichbaren Einrichtungen den Rotstift ansetzt, trifft das Häuser wie das ClaB direkt. Das wird spürbar durch weniger Personalstunden, eingeschränkte Öffnungszeiten oder gestrichenen Angeboten.

Was das konkret bedeuten kann, zeigt ein Beispiel aus dem Nachbarort Werder (Havel). Dort soll die Förderung für das dortige Familienzentrum von derzeit 1.277.000 Euro auf 777.100 Euro sinken. Ein Minus von rund 40 Prozent. Für das Team bedeutet das den Angaben zufolge einen Rückgang der Personalstunden von 80 auf nur noch 25 Stunden pro Woche. Ähnliche Einschnitte drohen den Familienzentren in Beelitz, Teltow und Michendorf und potenziell auch vergleichbaren Einrichtungen wie unserem ClaB in Stahnsdorf.

Unsere Haltung als Ortsverband

Wir haben Verständnis dafür, dass ein Landkreis mit einem Defizit von 27 Millionen Euro nicht so weitermachen kann wie bisher, und dass unbequeme Entscheidungen anstehen. Aber wo gespart wird, ist eine politische Entscheidung. Familienzentren, Jugendarbeit, Integrationsangebote und ein verlässlicher ÖPNV sind keine freiwilligen Nettigkeiten, sondern die Infrastruktur, die ein soziales Miteinander überhaupt erst möglich macht. Gerade Kinder, Jugendliche, Familien in schwierigen Lebenslagen und Menschen mit Fluchtgeschichte haben am wenigsten Puffer, um Kürzungen aufzufangen (und am wenigsten Lobby im Kreistag).

Wir werden die Haushaltsberatungen für 2027 aufmerksam begleiten, uns für den Erhalt des ClaB und vergleichbarer Angebote in Stahnsdorf einsetzen und uns dafür starkmachen, dass Sparmaßnahmen sozial ausgewogen statt einseitig auf dem Rücken der Jüngsten und Verletzlichsten ausgetragen werden.

Mitmachen: Petition unterstützen

Eine Petition setzt sich bereits jetzt für den Erhalt der Familienzentren im Landkreis Potsdam-Mittelmark ein. Initiiert von Cornelia Bauer, Mutter zweier kleiner Kinder aus Werder, fordert sie, die Finanzierung aller Familienzentren im Kreis mindestens auf dem Niveau von 2026 zu sichern und ihre gesetzlichen Pflichtaufgaben im Kinderschutz anzuerkennen. Bereits über 6.100 Menschen haben unterschrieben. Als Ortsverband unterstützen wir diese Petition ausdrücklich und bitten euch, es uns gleichzutun:

Jetzt die Petition unterzeichnen: „Familienzentren in Werder und Potsdam-Mittelmark erhalten – stoppt die Kürzungen“

Jede Unterschrift zählt – und macht deutlich, dass diese Angebote für viele Menschen im Landkreis unverzichtbar sind.

Quellen:

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